Grundschulen ergreifen die Initiative

Gemeinsam lernen

Grundschulen ergreifen die Initiative

 

02.03.2012 - (red) Eine Schule für alle für die Klassen 1 bis 13? In Nordrhein-Westfalen haben sich einige Grundschulen genau auf diesen Weg gemacht. Über ihre Konzepte und ihre Chancen berichtet Brigitte Schumann.

(Brigitte Schumann) Während die Bildungspolitik aus Angst vor dem Widerstand mächtiger Wählerschichten die Übernahme von Verantwortung für eine menschenrechtlich ausgerichtete, demokratische Schulreform ablehnt, gibt es Bewegung "von unten". Schulen wollen ausbrechen aus den verordneten strukturellen und institutionellen Zwängen. Sie wollen genau das pädagogisch sein, was manche Politiker so fürchten wie der Teufel das Weihwasser: eine Schule für alle. In NRW haben sich Grundschulen auf den Weg gemacht und Konzepte entwickelt für durchgängiges gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis 10 bzw. 1 bis 13.

Modellversuch als Chance

Das 6. Schulrechtsänderungsgesetz, das einvernehmlich von SPD und Grünen mit der CDU im Oktober 2011 verabschiedet wurde, sieht vor, dass "auf Antrag des Schulträgers und nach Anhörung der Schulen an bis zu 15 Schulen beginnend mit dem Schuljahr 2013/2014 oder dem Schuljahr 2014/2015 " erprobt werden soll, ob durch den Zusammenschluss von Primarstufe und Sekundarstufe zu einer Schule, "die Chancengerechtigkeit und die Leistungsfähigkeit des Schulwesens erhöht werden und die Schülerinnen und Schüler zu besseren Abschlüssen geführt werden können".

Dieser Probelauf ist eigentlich von der Sache her nicht notwendig. Seit Jahrzehnten gibt es die Laborschule Bielefeld. Sie ist als Versuchsschule des Landes NRW 1974 zusammen mit dem Oberstufen- Kolleg an der Universität Bielefeld gegründet worden. Sie hat praktisch und wissenschaftlich den Nachweis erbracht, dass pädagogische Qualität sich mit Chancengleichheit verbindet, wenn man gemeinsames Lernen für alle in leistungsgemischten Gruppen ohne Selektionsbrüche, ohne Klassenwiederholungen, ohne Abschulungen, ohne Notenzeugnisse ermöglicht. Leider haben in all den Jahren Politik und Bildungsverwaltung sich der in Bielefeld gewonnenen Erkenntnisse nicht bedient und sie eher verschwiegen. Sie passten wohl nicht ins politische Kalkül.

Jetzt wollen reformorientierte Grundschulen in NRW die Gunst der Stunde nutzen und sich an dem Modellvorhaben des Schulministeriums beteiligen.

Grundschulen trauen sich

Grundschulen haben durch ihre gute pädagogische Arbeit professionelles Selbstbewusstsein und Zutrauen in die eigenen Kräfte entwickelt. Sie wollen sich nicht länger auf die Rolle des bloßen "Zubringers" zu den weiterführenden Schulen reduzieren lassen. Ermutigt und bestätigt sehen sie sich auch durch eine wachsende Nachfrage nach längerem gemeinsamem Lernen und nicht zuletzt durch die menschenrechtliche Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention. nach sozialer Inklusion und gleichberechtigter Teilhabe für alle.

Dabei gehen sie unterschiedliche Wege. Die Cornelia- Funke- Schule, eine dreizügige Grundschule in Minden, will sich mit der in unmittelbarer Nähe gelegenen dreizügigen Dependance der Kurt-Tucholsky- Gesamtschule zu einer Schule von 1-10 zusammenschließen. Die Wartburg-Grundschule in Münster will dagegen aus sich heraus eine Schule von 1 bis 10 aufbauen, während die Grundschulen Pannesheide in Herzogenrath/ und Berg Fidel in Münster sich mit ambitionierten Konzepten auch noch eine eigene Schulabschlussstufe bis zum Abitur zutrauen.

Die Wartburg-Schule in Münster: Modell von 1-10

Die evangelische Wartburg-Grundschule im Stadtteil Gievenbeck wird vorwiegend von Kindern der Mittelschicht besucht. Eltern können wählen zwischen einem Ganztagszug und einem Ganztagszug mit integrativem Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen. Mit dem Selbstverständnis einer lernenden Organisation hat sich die Schule konzeptionell seit dem Ende der 1960er Jahre kontinuierlich weiterentwickelt. Diese erfolgreiche Entwicklungsarbeit wurde 2008 mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises belohnt und machte die Schule über NRW hinaus bundesweit bekannt.

Im Mai 2010 hat die Wartburg-Grundschule ein umfassendes Konzept zur Umwandlung vorgelegt. Darin heißt es: "Unsere Erfahrungen der letzten Jahre und nicht zuletzt der Schulpreis ermutigen uns, das Konzept der Wartburg-Schule in seinen wesentlichen Grundzügen auch in den Bereich der Sekundarstufe I zu übertragen und weiterzuentwickeln. Initiatoren sind die Kinder des Schulparlaments des Schuljahres 2008/2009, die in der Sitzung am 18. Februar 2009 die Idee der WartburgSchule von Jahrgang 1 bis 10 ins Leben riefen."

Sie will als inklusive Ganztagsschule in gebundener Form auch in der Sek. I Unterricht jahrgangsübergreifend in Doppeljahrgängen (5/6, 7/8, 9/10) organisieren, das Lernen "entfächern" und thematische "Gesamtlernsituationen" schaffen. Anstelle der Notenzeugnisse sollen Schülerinnen und Schüler ein individuelles Leistungsportfolio bis zum Ende der Schulzeit führen.

Die Zustimmung von Schulverwaltung, Schulaufsicht und Kommunalpolitik für das Projekt der Wartburg-Grundschule und damit für die Beteiligung am Modellversuch ist grundsätzlich vorhanden. Es muss jedoch noch eine Lösung gefunden werden für die bauliche Erweiterung der Schule.

Die Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel in Münster: Modell von 1-13

Im Gegensatz zur Wartburg-Schule liegt die Grundschule Berg Fidel mitten in einem sozialen Brennpunkt von Münster. 60 % der Kinder stammen aus anderen Ländern. Hier wird seit Jahren jedes Kind der näheren Umgebung - ob behindert oder nichtbehindert - gleichwertig willkommen geheißen und lernt in altergemischten Klassen von 1-4. Derzeit werden dort 50 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gefördert. Das inklusive Konzept findet deutschlandweit Anerkennung.

Die Schulkonferenz dieser Schule hat Anfang 2010 eine Weiterführung bis zum Abitur beschlossen und den Schulträger, die Schulaufsicht und die Öffentlichkeit darüber informiert. Dies ist auf großes Interesse gestoßen und in den Schulentwicklungsplan aufgenommen worden. Allerdings fehlt für die Beteiligung am Modellversuch bislang die politische Zusage seitens des Schulträgers.

Das vorgelegte inklusive Konzept der Grundschule Berg Fidel für eine Schule von 1-13 orientiert sich in wesentlichen Elementen an der Winterhuder Reformschule und an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Als inklusive Pilotschule will sie nach der Kindertagesstätte und der Grundstufe (1-4) die Eingangsstufe (5-6) und die Stufe der vielen Lernorte (7-9) anschließen. Danach soll die Schulabschlussstufe (10-13) folgen. Sie ist allen Schülerinnen und Schülern zugänglich und ermöglicht alle Abschlüsse. Gelernt wird wie in den vorangehenden Stufen in altersgemischten Klassen der Jahrgänge 10 bis 13.

Die Abschlussstufe will mit ihrem besonderen Ausbildungsschwerpunkt die Vorbereitung auf pädagogische Berufe eröffnen. In Kooperation mit der Universität könnten Schülerinnen und Schüler als Juniorstudierende bereits vor dem Abitur entsprechende Seminare an der Uni belegen, während andere Teilqualifikationen für den Beruf der Erzieherin/des Erziehers erwerben.

Chance für Münster als Schul- und Hochschulstandort nach finnischem Vorbild

In Köln sind Universität und Schulträger gemeinsam in der Vorbereitung für die Gründung einer neuen Universitätsschule unter dem Projekttitel "School is open". Die Initiative geht von den Studierenden aus, die die Schule als Bildungsraum für die Erprobung neuer Lernformen emanzipatorischer und inklusiver Bildung im Rahmen des Praxissemesters nutzen wollen.

Nach der Universität zu Köln bildet die Westfälische Wilhelms- Universität in Münster die meisten Lehramtsstudierenden in NRW aus. In Münster empfiehlt sich ein anderer Weg. Hier muss nichts auf dem Reißbrett erst entwickelt werden. Hier gibt es zwei unterschiedliche Schulen mit gewachsenen Strukturen und einer bewährten und anerkannten pädagogischen Praxis. Mit Zustimmung und Unterstützung von Eltern wollen sie sich jeweils pädagogisch weiterentwickeln und damit auch zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern einen Praxis- und Forschungsraum in der Zusammenarbeit mit dem Lehrerbildungszentrum anbieten.

Zwei Schulen als Modellschulen sind angesichts der Studierendenzahlen und der Notwendigkeit, die Lehrerausbildung an die Herausforderungen der Zukunft anzupassen, keineswegs Luxus. Angehende Lehrerinnen und Lehrer aller Lehrämter müssen die Chance haben, inklusiven Unterricht, den sie in ihrer eigenen Schulzeit in der Regel nicht kennengelernt haben, praktisch zu erleben und zu reflektieren. In Finnland ist es übliche Praxis, Universitätsschulen an den Standorten für Lehrerbildung zu unterhalten, die besonders eng mit der Lehrerbildung kooperieren.

Die Universität ist mit dem angegliederten Landeskompetenzzentrum für individuelle Förderung NRW (lif) und dem Internationalen Centrum für Begabungsforschung (ICBF) für eine Kooperation mit beiden Schulen hervorragend geeignet. Während das Landeskompetenzzentrum u. a. die Aufgabe hat, Schulen wissenschaftlich zu begleiten bei der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten der individuellen Förderung, erforscht das ICBF die Entwicklungsbedingungen und die Förderung für die Begabungen aller Kinder.

Um den Blick des Schulträgers bildungspolitisch auf die hohe Zahl der "Schulverlierer" in Münster zu lenken, haben die Grünen im Rat der Stadt Münster einen Antrag gestellt, das Projekt der Brennpunktschule zu prüfen und eine Ratsentscheidung bis zum Sommer vorzubereiten. Ganz fatal wäre es, wenn in der weiteren politischen Diskussion um die Entscheidungsfindung die beiden völlig unterschiedlichen Modelle Wartburg-Schule und Berg Fidel gegeneinander ausgespielt würden. Dem Schulträger muss klar sein, dass die Beteiligung von Berg Fidel aufgrund der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft unverzichtbar ist, wenn es um den wissenschaftlichen Nachweis geht, ob durch längeres gemeinsames Lernen "die Chancengerechtigkeit und die Leistungsfähigkeit des Schulwesens erhöht werden und die Schülerinnen und Schüler zu besseren Abschlüssen geführt werden können".

Quelle: http://bildungsklick.de/a/82716/grundschulen-ergreifen-die-initiative/

 
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