Ulrike Stedtnitz Vielfalt

„Vielfalt ist der Schlüssel zu mehr Bildung“

 Lehr- und Lernformen. Fördern kann zur Falle werden. Gefährliches Halbwissen bei Eltern wie Pädagogen verhindert den Blick auf die Defizite im Bildungssystem. Was Menschen wirklich benötigen, sind vielfältige und kreative Möglichkeiten, zu lernen und sich zu entwickeln, meint die Schweizer Erziehungspsychologin Ulrike Stedtnitz.

 

Zur Person Ulrike Stedtnitz    Ulrike Stedtlitz    

Die Schweizerin ist Expertin für Potenzialentwicklung und berät seit mehr als 25 Jahren Menschen aller Altersstufen, ihre ur-eigenen Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen. Die studierte Verhaltenswissenschaftlerin und Erziehungspsychologin lehrte einige Jahre in den USA. Seit ihrer Rückkehr nach Europa engagiert sie sich für innovative und stärkenorientierte Lehr- und Lernformen. Dort (ko-)initiierte sie in den vergangenen 20 Jahren zahlreiche nachhaltige schweizerische und internationale Projekte in der schulischen und studentischen Begabungsförderung.

Zusätzlich ist Ulrike Stedtnitz Buchautorin und gibt als Referentin Seminare zu Themen wie life balance und mehr Energie am Arbeitsplatz.

 

Eltern attestieren ihren Kindern gerne besondere Begabungen und machen dann Druck auf die Schule, diese „Hochbegabung“ angemessen zu fördern.

Dabei drückt „Hochbegabung“ als Begriff etwas Statisches aus, etwas, womit wir angeblich schon auf die Welt kommen und das man im Kindesalter klar identifizieren kann. Aber niemand kann genau definieren, was solch ein statisches Konzept menschlicher Begabung genau beschreiben soll. Die viel wichtigere Erkenntnis, dass Menschen Entwicklungsprozesse darstellen und dass viel harte Arbeit notwendig ist, um Kompetenzen überhaupt zu entwickeln, wird in dieser Sichtweise gerne außen vor gelassen. Stattdessen entsteht durch das Erkennen einer angeblichen „Begabung“ eine Erwartungshaltung, die Kinder, Lehrer und die Eltern selbst ungemein stresst.

Kinder mit einem Intelligenzquotienten (IQ) ab 130 gelten doch als hochbegabt.

Der IQ-Wert ist nur ein Durchschnittswert, der sich aus vielen verschiedenen Stichproben zusammensetzt und durch Faktoren wie Tagesform und Bildungshintergrund weiter verzerrt wird. Erkenntnisse aus 20 Jahren Intelligenzforschung zeigen, dass dieses Konstrukt viel zu einfach gestrickt ist, dass Begabungen letztendlich nicht objektiv messbar sind. Wir tun Kindern und Schulen keinen Gefallen, wenn wir an solchen statischen Messsystemen weiter festhalten. Wir müssen das dynamisieren

Wie soll das funktionieren?

Indem wir uns nicht zum Ziel setzen, einzelne Hochbegabte auszusuchen. Wir müssen vielmehr an Schulen und Hochschulen ein Umfeld schaffen, in dem möglichst viele ermutigt werden, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und eigenständig umzusetzen. Wo Intelligenz und Hochbegabung als Prozesse erkannt werden, anstatt etwas zu suchen, was angeblich an sich da sein soll – und zwar im Fall der „Hochbegabung“ bei angeblich nur drei Prozent der Bevölkerung.

Der Pädagoge Jean Piaget nannte Kinder „selbsttätige Entdecker“. So gesehen entstehen kreative Prozesse, wenn jemand sich seine eigene Fähigkeit etwas zu leisten und zu entdecken im Moment seines Tuns bewusst machen kann.

Genau auf das Leisten solcher Prozesse hat sich das menschliche Gehirn spezialisiert. Intelligenz wiederum entsteht aus vielen solchen Aktivitäten, die sich dabei ständig wieder ändern. Es gibt die spielerische Intelligenz, die Neues entdeckt. Es gibt Intelligenz im Handwerk, im Garten-, im Straßen- im Maschinenbau, überall wo Menschen etwas tun. Und unsere Gesellschaft bräuchte doch viel mehr von dieser natürlichen Pluralität der Intelligenz. Stattdessen erkennen wir Intelligenz nur an, wo Kopfdenker komplexe und abstrakte Dinge noch geschickter ausführen – egal ob zum Wohl oder zum Schaden der Gesellschaft.

Man könnte meinen, Intelligenz sei für Sie etwas Pluralistisches – fast schon ein demokratisches Gut.

Aber ja. Sieht man sich die Bildungswege von Experten in der Mathematik, in der Musik oder im Schachspiel genauer an, wird klar, dass sich die Intelligenzquotienten Hochleistender aus diesen Bereichen kaum von den IQs „normaler“ Personen unterscheiden. Den Unterschied machte die Anzahl von Stunden aus, die eingesetzt wurden, um die jeweilige Kompetenz zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um bloßes Üben – viel wichtiger ist die deliberate practice – also motiviertes, bewusstes Üben, das das eigene Tun hinterfragen kann. Letztendlich geht es auch hier um das Schaffen eines passenden Milieus für den richtigen Lernprozess, um ein Bildungsumfeld, das innere Motivation aktivieren und Umstände erschaffen kann, die es überhaupt erst ermöglichen, dass eine Motivation ausgelebt wird. Wenn das geschieht, so die heutige Lehrmeinung, kann ein IQ von 110 und darunter völlig ausreichen, um in einer Menge von Bereichen ganz hervorragende Leistungen erbringen zu können.

Was könnte helfen, um diese in uns angelegten diversen Ausdrucksformen von Intelligenz zu wecken?

Bildung war traditionell eine der konservativeren Ausdrucksformen von Gesellschaft. Das musste so sein, weil Bildung auch eine bewahrende Funktion hat. Aber das muss sich jetzt ändern. Die aktuellen Entwicklungen sind zu schnell für das Bildungssystem. Die Wissensverdopplung in den Naturwissenschaften vollzieht sich bereits alle paar Monate und wie wollen wir eigentlich mit den rasanten politischen, gesellschaftlichen Veränderungen weiter umgehen? Natürlich bleibt es für die Basis des eigenen Handelns notwendig, wenn man sich in einer Disziplin gut auskennt. Doch nach dem Prozess des tieferen Verstehens der eigenen Disziplin – was ein Studium oder eine Ausbildung leistet – wird die Identifikation des Gebildeten mit „seiner“ Disziplin oft zum mentalen Problem. Dabei führt der Zuwachs an Komplexität in der Welt gerade dazu, dass wir stärker denn je gefordert werden, andere Sichtweisen besser zu verstehen, damit wir komplexen Problemen gerecht werden können. Experten müssen sich daran gewöhnen, in Teams über Disziplinen und Fächergrenzen hinweg zu arbeiten, um gemeinsam Lösungen für komplexe Probleme zu finden. Und das ist schwer.

Weil es gewissermaßen die gewohnte Berufsidentität bedroht ...

... an die auch der Status und damit das persönliche Sicherheitsgefühl gekoppelt sind. Deswegen können andere Denkmodelle für „Experten“ schnell bedrohlich werden. Wie zögerlich verlaufen denn viele Versuche in Forschungsinstituten und Unternehmen, verschiedene Bereiche und Abteilungen oder Forschungs- und Handlungsfelder zusammenzubringen? Dabei wird es Aufgabe der Wissenschaft sein, sich wirklich gemeinsam für die Lösung von herausfordernden interdisziplinären Problemen einzusetzen und mehr Vielfalt im Denken zuzulassen. Deswegen müssten Schulen und Universitäten dafür sorgen, dass Lernende die Mauern der Identität, wie sie um Fächer- und Disziplingrenzen herum gezogen wurden, infrage stellen können. Für junge Leute geht es in der Wissensgesellschaft doch nicht mehr darum, den einen Beruf fürs Leben zu finden. Statt sich nach dem Abitur nur auf die Suche nach der einen richtigen Entscheidung für den Berufsweg zu machen, wird es für sie wichtiger, ihre eigene kreative Haltung zum Lernen und zum Leben zu entwickeln – eine Haltung, die dauerhaft von Neugierde, Kreativität und Vertrauen geprägt sein kann.

 

„Wir müssen raus aus der kollektiven Zwangsfütterung mit Wissen.“

Ulrike Stedtnitz

 

Nobel gedacht. Wie kann man das in die Praxis bringen?

Man sollte auf jeder Ebene die Beteiligten zum aktiven Mitwirken ermutigen. Das beste Lernen findet doch da statt, wo Menschen aktiv dabei sind und nicht nur passiv empfangen. So ein Lernumfeld können aber nur Lehrpersonen vermitteln, die selber der Überzeugung sind, dass das überhaupt möglich ist und die von dem, was sie da vermitteln, begeistert sind. Nur so kann man junge Menschen inspirieren, ihre eigenen Interessen zu finden und sie zu leben. Damit kann man schon in der Grundschule beginnen ebenso wie mit Projektarbeit, bei der Kinder gemeinsam Dinge herausfinden, statt mit Wissen nur gefüttert zu werden. Und nur so entstehen letztendlich Initiative und Neugierde. Wir brauchen in Schulen eine Kultur des Entdeckens, des Fehlermachen-Dürfens, in der man auch stärker für Anstrengung, für Durchhaltevermögen und Initiative gelobt wird als für reine Erfolge im Pauken. Für mich ist Vielfalt der Schlüssel – wir brauchen vor allem mehr Öffnung für individuelle Wege einzelner Schulen, für Experimente. Und wir müssen raus aus der kollektiven Zwangsfütterung mit Wissen, die aus Kindern passive Wissenskonsumenten macht. Zu vermitteln, wie man zu seinen wirklichen Interessen gelangt und diese entfalten kann, wie man da hinkommt, ohne sich in seinem Weg zu täuschen, das ist für mich Bildung.

 

INTERVIEW: TIMUR DIEHN

 

Quelle: Stifterverband | W&W 4-2011, S. 42 - 45

 
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