Noten aus schulpsychologischer Sicht

Der Schulpsychologe Albert Zimmermann schreibt auf der Internetseite www.schulpsychologie.de:

 

Schulnoten aus schulpsychologischer Sicht

 

Es ist Sommer und die Versetzungszeugnisse stehen ins Haus und damit die alljährliche Diskussion über Schulnoten. Sie sollen nachvollziehbar sein, gerecht und justiziabel, ansonsten werden sie von empörten Eltern angefochten. Es gibt sogar Rechtsanwälte, die darauf spezialisiert sind, zumindest unter anderem.

Ich staune immer wieder darüber, wie schnell von allen Beteiligten vergessen wird, wie Schulnoten zustande kommen und worum es sich bei ihnen tatsächlich handelt, wenn sie erst einmal unter einer Klassenarbeit oder auf dem Zeugnis stehen. Man tut plötzlich so, als wären sie feste und eindeutige Werte. Das sind sie nun aber wirklich nicht!

Was sind sie dann? Das möchte ich hier einmal zusammenfassend darstellen und damit zu einer Versachlichung der Diskussion und vielleicht auch zu etwas mehr Gelassenheit beitragen.

 

Was sind Schulnoten?

Schulnoten - ob nun sechsstufig oder fünfzehnstufig wie in der Oberstufe – sind nichts anderes als Ranginformationen: Sie geben die Stellung eines Schülers hinsichtlich der von ihm erbrachten Leistungen in seiner Lerngruppe wieder, und zwar nach Einschätzung seines Lehrers und im Vergleich zu den Leistungen seiner Mitschüler.

Grundlage der Benotung ist damit keinesfalls eine objektive Feststellung des Leistungsstandes!

Als Werte haben Schulnoten Rangskalenniveau. Das bedeutet, dass die Abstände zwischen den Notenstufen nicht definiert sind. Es bleibt völlig offen, ob der Leistungsunterschied, der zum Beispiel durch die Noten 2 und 3 abgebildet wird, genauso groß, kleiner oder größer ist als der zwischen einer 4 und einer 5. Die Abstände zwischen den Noten bilden die wirklichen Leistungsunterschiede nicht ab. Da arithmetische Operationen aber gleiche Abstände zwischen Werten voraussetzen, folgt daraus, dass mit Schulnoten grundsätzlich keine Rechenoperationen durchgeführt werden dürfen. Aus mathematischer Sicht ist die Berechnung von Notendurchschnitten daher nicht zulässig und die Entscheidung auf der Basis von Notendurchschnitten - zum Beispiel bei der Zulassung zum Studium – fragwürdig.

Hinzu kommt: Die Zuordnung der Leistung zu einer Ranggruppe wird in der Regel nur in und für eine Klasse oder Stufe vorgenommen und gilt ausschließlich für diese Klasse oder Stufe. Ein Vergleich von Schulnoten aus einer Klasse mit denen anderer Klassen, Schulen oder Schulformen bedeutet, von dem Rangplatz hier auf einen Rangplatz dort zu schließen. Das ist auch bei sehr viel Erfahrung spekulativ.

Noten kaschieren die Leistungsunterschiede zwischen Klassen, Stufen und Schulen, da sie sich ausschließlich an den konkreten Leistungen der jeweiligen Gruppierung orientieren, diese Leistungen in eine Reihenfolge bringen und sie immer den gleichen 6 Notenstufen zuordnen.

Ein Vergleich, eine Einstufung der Leistungen findet nur innerhalb der jeweiligen Gruppe statt, nicht zwischen den Gruppen! Je nach Klasse, Schule oder Schulform kann die gleiche Leistung sehr unterschiedlichen Ranggruppen zugeordnet werden und hinter derselben Note können sehr unterschiedliche Leistungen stehen.

Vor einigen Jahren habe ich einmal die objektiv überprüfte Rechtschreibleistung von Schülerinnen und Schülern der 4. Klasse Grundschule mit deren Noten in Rechtschreibung verglichen und dabei festgestellt, dass Kinder bei der gleichen Rechtschreibleistung die Noten 1 bis 5 hatten, einige sogar eine Legastheniebescheinigung.

Solange die Benotung in der bisherigen Form beibehalten wird, bleiben Noten unvergleichbar und damit zwangsläufig auch „ungerecht“. Mehr Gerechtigkeit könnte nur durch z. B. zentrale Klausuren und Prüfungen oder durch standardisierte Verfahren zur Leistungsfeststellung erreicht werden. (Die Zentrale Abschlussprüfung ist ein wichtiger Schritt dorthin!)

 

Was fließt alles in die Benotung mit ein?

Neben dem tatsächlichen Leistungsstand der Klasse und den Leistungen der einzelnen Schüler spielt immer auch das Soll eine Rolle, die Zielvorstellungen des beurteilenden Lehrers. Hier geht es nicht nur um die offiziellen Vorgaben des Lehrplans, sondern auch um die Erwartungen und Ansprüche des Lehrers, um das, was ihm fachlich wichtig ist, was seiner Meinung nach jeder wissen und beherrschen müsste.

Manchmal gibt es jedoch keine besonderen, an Inhalten festgemachten Zielvorstellungen, sondern nur das Selbstverständnis als allgemein anspruchsvoller oder bewusst wenig anspruchsvoller und wenig strenger Lehrer. Für viele Lehrer ist bei der Benotung das Verhältnis zwischen tatsächlich erbrachten Leistungen und vermuteter oder wahrgenommener Leistungsfähigkeit von Bedeutung. Die Benotung wird positiver, wenn Schüler sich bemühen und ihre Leistungsfähigkeit weitgehend in konkrete Leistungen umsetzen, auch wenn sie dabei nur Durchschnittsleistungen erreichen.

Bemühen steht für Engagement und Interesse am Fach – Gleichgültigkeit, Faulheit und mangelnde Vorbereitung für Desinteresse. Desinteresse für ein Fach, das der Lehrer gewählt hat, das er studiert hat, in das er Zeit und Energie investiert hat, das verletzt und kränkt ihn, das fordert Sanktionen über die Note geradezu heraus. Wahrgenommenes Interesse hingegen führt zu einer eher wohlwollenden Benotung. Denn die Benotung (als subjektive Einschätzung!) hängt selbstverständlich auch von den Gefühlen, der Einstellung und Wertschätzung des Lehrers der Klasse und dem einzelnen Schüler gegenüber ab.

Es fällt schwer, jemanden gut zu benoten, den man nicht leiden kann, der einen ständig verletzt und kränkt. Verständlich, wenn dann angepasste, positive, fleißige und wenig strapaziöse Schüler bessere Noten bekommen. Sie bekommen sie in der Regel nicht einmal völlig unverdient, denn sie erhalten jede Menge positives Feedback und werden dadurch systematisch aufgebaut. Die ungeliebten, strapaziösen und unangenehmen Schüler werden dagegen eher (systematisch) demoralisiert und sinken als Folge davon in ihren Leistungen mehr oder weniger rasch ab.

Mit der Benotung verfolgen Lehrer vielfach indirekte, manchmal ausgesprochen direkte pädagogische Ziele, die über eine einfache Leistungsrückmeldung hinausgehen: Schlechtere Noten als Bestrafung für Fehlverhalten, als Denkzettel oder nur zum Ansporn, bessere Noten als Belohnung.

Bei der Diskussion über den Sinn von Kopfnoten wird häufig argumentiert, dass auf diese Weise die Fachnoten vom „Versuch pädagogischer Einflussnahme“ frei gehalten werden könnten. Ich glaube allerdings nicht, dass das funktioniert.

Die Benotung ist für Lehrer auch deshalb problematisch, weil sie sich bewusst sind, dabei implizit die Qualität des eigenen Unterrichts mit zu beurteilen: Sie müssen beurteilen, wofür sie letztlich verantwortlich, zumindest mitverantwortlich sind.

Wie geht man bei der Benotung vor, wenn man ein schlechtes Gewissen hat, weil man im letzten Jahr wenig Lust oder Zeit hatte, sich auf den Unterricht vorzubereiten und der Leistungsstand der Klasse völlig indiskutabel ist? Schiebt man die Schuld auf die Klasse und bildet das ab, indem man insgesamt schlecht benotet oder versucht man es zu kaschieren, indem man viel zu gut benotet? Ich kenne auch den Fall, dass zu gut benotet wird, um so einem Konflikt mit den Eltern oder der Schulleitung zu entgehen.

Ich möchte an dieser Stelle schließen, obwohl es sicher noch einiges zu sagen gäbe.

Halten wir fest: Es ist für Lehrer so gut wie aussichtslos, völlig gerecht und nachvollziehbar zu benoten. Es gäbe zwar Lösungen wie die, jede Klassenarbeit durch einen zweiten Fachlehrer noch einmal korrigieren zu lassen, das wäre aber viel zu aufwändig und zu teuer.

 

Albert Zimmermann, Schulpsychologe, Köln, 05.07.2010

 

Quelle: http://www.schulpsychologie.de/wws/bin/183882-824138-1-schulnoten.pdf

 
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